Verordnete Erziehungsberatung nach §107 AußStrG

 

Beratung im Zuge von Verfahren über die Obsorge und/oder das Recht auf persönlichen Kontakt (§107, Abs.3 AußStrG):

Mit dem Gesetz kann seit Februar 2013 im Zuge einer Scheidung auch Erziehungsberatung "zur Sicherung des Kindeswohls" durch das Gericht verordnet werden.

 

Das Gericht hat die zur Sicherung des Kindeswohls erforderlichen Maßnahmen anzuordnen, soweit dadurch nicht Interessen einer Partei, deren Schutz das Verfahren dient, gefährdet oder Belange der übrigen Parteien unzumutbar beeinträchtigt werden. Als derartige Maßnahmen kommen insbesondere in Betracht:

1. der verpflichtende Besuch einer Familien-, Eltern- oder Erziehungsberatung;

2. die Teilnahme an einem Erstgespräch über Mediation oder über ein Schlichtungsverfahren;

3. die Teilnahme an einer Beratung oder Schulung zum Umgang mit Gewalt und Aggression;

4. das Verbot der Ausreise mit dem Kind und

5. die Abnahme der Reisedokumente des Kindes

 

Folgende situative Umstände können ausschlaggebend für die Anordnung einer Familien­, Eltern­ oder Erziehungsberatung nach § 107 Abs. 3 Z 1 AußStrG sein:

Wenn beispielsweise der Eindruck besteht, dass  das Kind von den Eltern mit seinen Sorgen, Nöten und Entwicklungsbedürfnissen in der Konflikthaftigkeit der Trennung bzw. des Verfahrens nicht mehr wahrgenommen wird,

• das Kind durch die elterlichen Konflikte sehr belastet ist und unter einem Leidensdruck steht, der von den Eltern nicht mehr gemildert werden kann,

• die Eltern nicht mehr in der Lage sind, Veränderungen, die zu einer Entspannung in der kindlichen Alltagsituation führen können, aus eigener Initiative umzusetzen und auch langfristig für das Kind stabilisierend wirken zu können,

• Eltern beginnen, ihr Kind für die Erfüllung eigener Bedürfnisse und/oder Anliegen im Verfahren zu instrumentalisieren,

Eltern vom Erleben und Verarbeiten der eigenen Trennungskrise überflutet werden und die elterlichen Möglichkeiten, ihrer Erziehungsverantwortung nachzukommen, nicht mehr ausreichend gegeben sind,

• durch eine beratende Begleitung das Kind in seiner Lebens- und Alltagssituation entlastet werden kann,

• durch eine beratende Begleitung die Rückführung des Kindes in die Herkunftsfamilie unterstützt werden kann,

• durch eine beratende Begleitung die Kontaktanbahnung und Kooperation von Eltern unterstützt und so im Rahmen der Beratung der Blick aller Beteiligten wieder primär auf die (Entwicklungs-) Bedürfnisse des Kindes gerichtet werden kann.

 

Die Anordnung einer Familien-, Eltern- oder Erziehungsberatung obliegt ausschließlich dem/der im jeweiligen Pflegschaftsverfahren zuständigen Richter/Richterin. Es ist in dessen/deren Ermessen, zu welchem Zeitpunkt, mit welchem Stundenausmaß und in welchem Verfahrenskontext die Anordnung erfolgt.

 

Ziele und Aufgaben der Beratung:

Primäres Ziel der angeordneten Familien-, Eltern- oder Erziehungsberatung ist die Sicherung des Kindeswohls, insofern als es gilt, in den bestehenden Familiensystemen Bedingungen für die Entlastung und Unterstützung der Kinder zu schaffen sowie eine Verbesserung der aktuellen und mittelfristigen Entwicklungsbedingungen der Kinder zu bewirken. Insbesondere geht es darum, Eltern dabei zu unterstützen:

 

• ihren Blick und ihre Aufmerksamkeit auf die Bedürfnisse und Nöte ihrer Kinder zu richten,

• förderliche Haltungen bzw. Verhaltensweisen zu entwickeln, die Kindern helfen, die Trennung geschützt und behütet verarbeiten und die dadurch hervorgerufenen Veränderungen im Familiensystem allmählich bewältigen zu können,

• Verhaltens- und Reaktionsweisen ihrer Kinder verstehen zu lernen,

• zu neuen Formen der elterlichen Kooperation zu finden,

• ihre erzieherischen Kompetenzen zu erweitern und sie in Erziehungsfragen sowie im Umgang mit Schwierigkeiten und Konflikten im familiären Alltag zu beraten. Die Formulierung konkreter Aufgaben und Ziele der angeordneten Erziehungsberatung in einem Pflegschaftsverfahren erfolgt an die jeweilige familiäre Situation angepasst und wird im Rahmen des Beratungsprozesses mit den Eltern individuell angepasst formuliert. In jedem Fall umfasst eine gerichtlich angeordnete Familien-, Elern- oder Erziehungsberatung nach § 107 Abs. 3 Z 1 AußStrG aber folgende vier

 

Aufgabenschwerpunkte:

(u.a.) • die Auseinandersetzung mit dem Umstand der „Anordnung“ der Beratung,

• in weiterer Folge die Entwicklung einer Perspektive, den Erziehungsberatungsprozess als Chance erleben zu können und zu einer „Elternschaft-Neu“ zu finden, die es ermöglicht, das Kind in seiner Entwicklung gemeinsam als Eltern zu begleiten,

• die Thematisierung der (unterschiedlichen) Anliegen der Eltern,

• eine inhaltliche Strukturierung der Beratungsinhalte im Sinne der Anliegen rund ums Kind und demgemäß

• die Entwicklung von gemeinsamen Beratungszielen bzw. Beratungsthemen: dabei gilt es, mit den Eltern Themen- und Fragestellungen zu finden, auf die sich beide Eltern einlassen können. Dazu müssen zunächst Gesprächsinhalte festgelegt werden, die emotional soweit sicher sind, dass ein gemeinsames Gespräch geführt werden kann. Erst allmählich können dann, unter der Begleitung des Beraters/der Beraterin, jene Themen besprochen werden, die für die Eltern hochemotional und strittig sind .